Historische Entwicklung und aktuelle Bedeutung der Sozialen Träger in der Bundesrepublik Deutschland
Von Steffi Schünemann, Vorständin Verband und Sozialpolitik, AWO Landesverband Sachsen-Anhalt e.V
Wie und aus welchen gesellschaftlichen Bedürfnissen sind die Freien Träger der Wohlfahrtspflege in Deutschland entstanden?
Zu den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege gehören wir als Arbeiterwohlfahrt, der Deutsche Caritasverband, das Diakonische Werk, das Deutsche Rote Kreuz, der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.
Die Freie Wohlfahrtspflege hat ihre Wurzeln in jüdischer und christlicher Nächstenliebe und entwickelte bereits in den ersten christlichen Jahrhunderten organisierte Hilfen für Arme und Kranke.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts formierten sich die bis heute prägenden Spitzenverbände, auch als Reaktion auf Industrialisierung, soziale Not und Kriege, wobei sich die staatliche Armenpflege zur gesetzlich geregelten Fürsorge weiterentwickelte und Reformbewegungen zusätzliche Impulse gaben. In der Weimarer Republik wurde die Freie Wohlfahrtspflege als Bestandteil einer freiheitlichen Sozialordnung anerkannt, geriet jedoch unter dem Nationalsozialismus unter starken Druck: Verbände wurden gleichgeschaltet, verboten oder zur Auflösung gezwungen, jüdische Organisationen zerschlagen, und nur einzelne Träger konnten unter massiver Kontrolle eingeschränkt weiterarbeiten. Unsere Arbeiterwohlfahrt muss dabei besonders hervorgehoben werden, da sie als einziger Wohlfahrtsverband verboten wurde und deren Mitglieder und Funktionsträger in besonderem Maße Verfolgung ausgesetzt waren.
Nach 1945 wurde soziale Hilfe in Ost und West neu organisiert: In der BRD konnten die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege wieder eigenständig arbeiten und widmeten sich zunächst vor allem Geflüchteten, Vertriebenen, Heimkehrern und Obdachlosen, später wieder einem breiten Aufgabenspektrum. In der DDR als SED-Diktatur wurde soziale Hilfe hingegen weitgehend zentralisiert und politisch kontrolliert: Unabhängige freie Wohlfahrtspflege war nicht möglich, viele Aufgaben wurden staatlichen Stellen und regimegebundenen Organisationen zugeordnet, und kirchliche Träger konnten nur unter enger Überwachung und eingeschränktem Handlungsspielraum arbeiten.
Der dynamische Wiederaufbau der AWO bei uns in den neuen Bundesländern erfolgte erst im Zuge der politischen Wende 1989/1990.
Unsere AWO hat eine sehr bewegte und ergreifende Geschichte. Vor allem als Streiterin für Frauenrechte. Die Gedanken, der Mut und die Haltung unserer Gründerin Marie Juchacz, die als erste Frau vor einem deutschen Parlament redete, geben uns noch heute immer wieder Kraft und Orientierung für unsere Arbeit. Wer darüber mehr erfahren will, dem empfehle ich das Buch „Geschichte der Arbeiterwohlfahrt“ (Kufferath, Mittag).
Welche Aufgaben übernehmen die Freien Träger der Wohlfahrtspflege heute?
Ziel der Wohlfahrtsverbände ist die Verbesserung der Lebenslagen – dafür bieten wir soziale Hilfen und Begleitung u.a. in Kitas, Pflegeeinrichtungen, Beratungsstellen, Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen. Als sozialwirtschaftliche Partnerin erfüllen wir damit Aufgaben, die der Staat als Rechtsanspruch für die Menschen garantiert.
Wir als AWO verstehen uns nicht nur als Helferin im Alltag, sondern sind auch eine streitbare Stimme für diejenigen, die sonst überhört oder sogar ausgegrenzt werden: Wir mischen uns ein, legen den Finger in die Wunde sozialer Ungleichheit, machen Druck mit Stellungnahmen, Forderungen und Fachöffentlichkeit und übernehmen dort Verantwortung, wo der Sozialstaat Lücken lässt oder niemand die Kosten tragen will. Wir stehen Menschen konkret zur Seite, setzen Rechte gegenüber Behörden durch und begleiten sie notfalls bis in Widerspruch und Klage. Nicht selten gehen wir auf die Straße, sei es für bessere Bedingungen in unseren Kitas, die Rechte von Menschen mit Behinderung oder eine offene und vielfältige Gesellschaft. Der Regenbogen ist eines unserer Lieblingssymbole. Und wir suchen uns starke Verbündete. Die Landesarmutskonferenz, deren Gründung wir als AWO maßgeblich vorangetrieben haben, ist ein gutes Beispiel dafür.
Gleichzeitig treiben wir Veränderungen voran, indem wir neue Modellprojekte entwickeln und als Regelangebote durchsetzen wollen. Wir verbessern unsere Arbeit methodisch und qualifizieren unsere Teams. Und wir sind mit unseren Mitgliedern und Ehrenamtlichen Zivilgesellschaft, wir unterstützen und fördern Engagement mit Räumen, Strukturen und Wertschätzung.
Wir verbinden das mit einem klaren politischen Wertekompass: Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sind kein Schmuck am Leitbild, sondern Auftrag, Haltung und Anspruch, den wir in unserer sozialen Arbeit offensiv leben.
Das alles verstehen wir unter lebendiger Demokratie, die wir heute mehr denn je schützen müssen.
Warum sind Freie Träger ein wichtiger Bestandteil des deutschen Sozialstaats?
Wohlfahrtsverbände und freie Träger sind ein Kernbestandteil des deutschen Sozialstaats, weil sie sozialrechtlich garantierte Leistungen in einem flächendeckenden, gemeinnützigen Netz von Diensten und Einrichtungen konkret umsetzen, lokal erreichbar machen und fachlich weiterentwickeln, während der Staat vor allem Rechte, Finanzierung, Rahmen und Kontrolle sichert. Durch ihre Nähe zu Lebenslagen reagieren sie oft passgenauer, schließen Versorgungslücken, stabilisieren in Krisen und sichern über Qualitätsstandards verlässliche Angebote; zugleich stärken sie durch Ehrenamt und zivilgesellschaftliche Strukturen den sozialen Zusammenhalt und bringen als sozialanwaltliche Akteure Praxiserfahrung in politische Prozesse ein, indem sie Missstände benennen und benachteiligte Gruppen vertreten. Das Subsidiaritätsprinzip begründet dies zentral, indem Hilfe möglichst bürgernah durch freie, selbstorganisierte Träger erfolgen soll und der Staat unterstützend eingreift, wenn diese Ebenen überfordert sind – so bleiben Vielfalt, Innovation sowie Wunsch- und Wahlrecht erhalten. Damit legen Wohlfahrtsverbände außerdem eine wichtige Grundlage für eine starke Wirtschaft, weil verlässliche soziale Infrastruktur (z. B. Kinderbetreuung, Pflege, Beratung und Integration) Erwerbstätigkeit ermöglicht, Fachkräfte stabilisiert, soziale Folgekosten senkt und gesellschaftliche Stabilität als Standortfaktor stärkt.
Welche Vorteile bieten Freie Träger gegenüber staatlichen Einrichtungen?
Freie Träger und Wohlfahrtsverbände haben gegenüber rein staatlichen Einrichtungen typische Vorteile, die vor allem aus ihrer größeren Nähe zu Lebenswelten, ihrer Vielfalt in ihren Werteprägungen und ihrer Gemeinnützigkeit entstehen.
Sie sind häufig bürgernäher und flexibler, weil sie lokal verwurzelt sind, schneller auf neue Problemlagen reagieren können und Angebote eher an konkrete Sozialräume anpassen. Sie ermöglichen Vielfalt und Wahlfreiheit: Unterschiedliche weltanschauliche Prägungen und Konzepte schaffen Alternativen, wodurch das Wunsch- und Wahlrecht der Nutzer*innen praktisch mit Leben gefüllt wird. Freie Träger übernehmen zudem eine Anwalts- und Korrekturfunktion, indem sie Versorgungslücken sichtbar machen, Betroffene gegenüber Behörden unterstützen und sozialpolitisch Stellung beziehen – etwas, das kaum möglich wäre, würden Leistungserbringung und staatliche Steuerung in einer Hand liegen.
Schließlich wäre eine vollständige Verstaatlichung auch politisch gefährlich: sie macht soziale Hilfe anfälliger für politische Wechsel, Sparprogramme oder für autoritäre Tendenzen, weil zentrale Steuerung leichter zur Kontrolle und Disziplinierung genutzt werden kann. Insgesamt würde ein rein staatliches System damit weniger plural, weniger lernfähig und weniger widerstandsfähig werden.
Mit großer Sorge betrachten wir deshalb die aktuelle Entwicklung der Kita – Struktur in Sachsen-Anhalt: Über die Hälfte der Kitas im Land hat einen öffentlichen Träger, das ist bundesweit der höchste Anteil. Wir beobachten zudem, dass Schließungen aufgrund sinkender Kinderzahlen häufig Freie Träger treffen. Hier sind die Landkreise in der Verantwortung, die Steuerungs- und Planungsprozesse so zu gestalten, dass das Wunsch- und Wahlrecht geschützt wird und die Trägervielfalt erhalten bleibt. Nicht zuletzt wegen der benannten (und uns aus der Geschichte bekannten) Risiken einer rein staatlichen Organisation von Angeboten. Wir werden uns als AWO gemeinsam dafür einsetzen, dass der Prozess des Strukturwandels geordnet und nach transparenten Kriterien erfolgt.
Vor welchen Herausforderungen stehen die Freien Träger der Wohlfahrtspflege heute?
Der Sozialstaat steht heute unter Mehrfachdruck: Der demografische Wandel lässt den Bedarf an Unterstützung steigen, während gleichzeitig weniger Erwerbstätige mehr Leistungen finanzieren müssen. Dazu kommen stark wachsende Kosten im Gesundheits- und Pflegebereich, ein massiver Fachkräftemangel und eine weiterhin hohe soziale Ungleichheit mit verfestigten Armutsquoten. Diese strukturellen Herausforderungen werden politisch zusätzlich verschärft durch populistische Debatten über angeblich „überbordende“ Sozialausgaben, durch Kürzungsnarrative und durch „Armen-Bashing“, das Menschen in prekären Lagen stigmatisiert und soziale Probleme nach unten delegiert – etwa über schnelle, aus unserer Sicht wenig wirksame Verschärfungen beim Bürgergeld. So wird der Sozialstaat fälschlich als Belastung für die Wirtschaft dargestellt, obwohl er als soziale Infrastruktur die Grundlage dafür ist, dass Menschen überhaupt arbeiten können und nicht bei Krankheit, Pflege oder Familienbelastungen aus dem Erwerbsleben fallen.
Für Wohlfahrt und freie Träger liegt der Kern der Gefahr darin, dass diese Erzählungen Finanzierung und Leistungsansprüche politisch aushöhlen und genau die Angebote schwächen, die gesellschaftliche Stabilität sichern: verlässliche Kinderbetreuung, Entlastung für pflegende Angehörige, Prävention, Reha, Therapie sowie niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungsleistungen. Deshalb fordern wir statt Kürzungen eine klare Gegenstrategie: Investitionen in soziale Infrastruktur, armutsfeste Leistungen wie eine wirksame Kindergrundsicherung, eine Stabilisierung von Sozialstaat und Gesundheitssystem und eine gerechtere Finanzierung durch stärkere Beteiligung hoher Einkommen und großer Vermögen.
Unsere Demokratie ist zudem keine Selbstverständlichkeit – die als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD betreibt Spaltung, entwertet Menschenrechte und verschiebt den Diskurs, indem sie gesellschaftliche Probleme auf Minderheiten projizieren. Geflüchtete und Zugewanderte werden pauschal als Risiko markiert, Vielfalt und Gleichstellung angegriffen, und pluralistische Trägerstrukturen sowie politische Bildung werden delegitimiert. Das trifft den Sozialstaat im Kern, weil Solidarität, Gleichheit und Menschenwürde seine Grundlage sind.
Konsequenz daraus ist ein klarer Auftrag: Wir werden soziale Rechte, Teilhabe und demokratische Standards aktiv verteidigen und zugleich praktisch vor Ort eine solidarische Daseinsvorsorge sichern – ohne Raum für Hass und Ausgrenzung. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, die solidarisch, vielfältig und sozial gerecht ist, in der Menschenwürde unantastbar ist und bleibt.
Am 06.09.2026 ist Landtagswahl – Unser Kompass ist klar: Wir wollen eine Zukunft in der alle zählen. Wie genau wir uns das vorstellen, könnt ihr im AWO Programm zur Landtagswahl nachlesen.
https://www.awo-sachsenanhalt.de/informationen/aktuelles/details/programm-zur-landtagswahl-2026
Der Beitrag stammt aus der AWO BERICHTET, Ausgabe 1/2026.

Halle, 20.04.2026

